Dienstag, 28. April 2015

Art: Zahnspangen

Immer mal wieder habe ich die ein oder andere Idee für ein Kunstprojekt. Ich bin weniger jemand für DIYs die nachher irgendwie nützlich sein können. Meine Kreativität kann man sich eher an die Wand hängen. Und dieses Mal habe ich auch daran gedacht, diesen Prozess (zumindest ein wenig) zu dokumentieren.


Während meine Grundschulzeit bekam ich meine erste Zahnspange. Die untere war locker, die obere fest an die Backenzähne zementiert und musste immer wieder von meiner Mutter nachgedreht werden, was eine nervtötende Arbeit war. Kleiner Kindermund, hoher Gaumen, große Erwachsenenhände und dann dieser kleine "Schlüssel", der in ein winziges Loch manövriert werden musste um die Winde zu drehen.
Ich habe diese Dinger nie wirklich gemocht und meine Vergesslichkeit half mir da noch weniger, meine Zahnspangen regelmäßig zu tragen. Andererseits saß ich dann manchmal in der Praxis meines Kieferorthopäden und er lobte mich fürs Tragen, ohne dass ich irgendetwas dazu beigetragen hätte. Und auch das Gegenteil hatte ich erlebt. Es gab doch Phasen in denen ich daran dachte meinen Maulkäfig zu tragen, aber der Arzt mahnte mich das Tragen nicht zu vernachlässigen. Das fand ich verwirrend.
Es kam das ein oder andere Mal vor, dass eine Spange kaputt ging oder ich sie verlor. Also zwei Gründe, warum ich so viele Verschiedene hatte. Die Handvoll auf den Bildern ist vielleicht ein Teil von 30-40%? Der Rest verschwand oder ich musste ihn beim Arzt abgeben. Um mehr Platz in meinem Mund zu schaffen, wurden mir vier Zähne gezogen und bei einer Röntgenaufnahme, die eigentlich nicht geplant war, aber ich war irgendwie daran gewohnt, dass nach einem neuen Abdruck auch gleich eine neue Aufnahme gemacht wird, entdeckte man drei extra Zähne in meinem Kiefer, die verhinderten, dass sich zu diesem Zeitpunkt in meinem Unterkiefer überhaupt etwas tat. Nach zwei Operationen waren auch diese plus gutartiger Zyste entfernt. Und seitdem habe ich Angst vor dem Besuch beim Zahnarzt.
Am meisten habe ich wohl die neuen Drähte bei meiner festen Zahnspange gehasst. Die ersten Paar Tage ist man froh, wenn man Toast kauen kann. Oder die weichgekochte Kartoffel in der Suppe. Wie ungeil ich die Zahnspangen fand, bemerkte ich manchmal auch morgens, wenn ich aufwachte und sie einfach neben mir lag. Entweder hatte ich sie ausgespuckt oder erinnerte mich nicht mehr daran sie herausgenommen zu haben.
Lustigerweise wache ich manchmal morgens auf und frage mich, was da in meinem Mund fehlt, denke an "Zahnspange", aber gleichzeitig auch daran, dass ich schon seit ca. 10 Jahren keine mehr trage. Meine Ma hat auf jeden Fall ihren Anteil zurückbekommen und ich diese Tortur erfolgreich abgeschlossen. Bis dann die Weisheitszähne kamen. Um die ich mich vielleicht auch mal kümmern sollte. Irgendwann. So.

Soweit zu mir und meiner Geschichte mit Korrekturen der Zahnstellung.
Seit längerem hatte ich meine Spangen in einem Karton mit Dingen, die noch an meine Wand sollten. Irgendetwas wollte ich damit machen. Aber einfach so an die Tapete klatschen wollte ich sie auch nicht. Vielleicht hätten sie schöne Lückenfüller gegeben, aber das war mir nicht genug. Natürlich hätte ich auch Ohrringe daraus machen können. Durch eine Drahtschlaufe einen Haken und schon fertig. Coole Sache eigentlich, aber in Verbindung mit Haare dann doch manchmal nervig.

Als ich das letzte Mal bei meiner Tante war, fand ich in einem Trödelladen einen sehr schönen, leeren Rahmen für meine Wand. Bisher hatte ich nichts gefunden, womit ich diesen auskleiden könnte, doch irgendwie formierte sich die Idee, ihn mit den Spangen zu zieren. Einfach nur einen einfarbigen Hintergrund zu benutzen fand ich sehr langweilig und orientierte mich daher ein wenig an meinen Collagen, um ein bisschen mehr im Bild passieren zu lassen.


Ich glaube, dass ich "die Zigeunerseele" heute nicht mehr benutzen würde. Früher war "Zigeuner" für mich ein ziemlich unbelastetes Wort. Auf der Grundschule bekam ich zwar mit, wenn Mitschüler es als Beleidigung verwendeten, aber für mich persönlich war es einfach nur die Bezeichnung einer Gruppe von Menschen. 
Zum Zeitpunkt der Entstehung des Bildes, war diese romantisierte Form der ungebundenen und freien Lebensweise gemeint. Ein wildes und unruhiges Herz, das es umhertreibt. Heute weiß ich, wie viel mehr hinter dem Wort steckt. Das es seine Geschichte hat.
„Zigeuner“ ist eine diffuse Fremdbezeichnung für Angehörige von Gruppen am Rand der Mehrheitsgesellschaft. Sie ist Träger von Klischees, die überwiegend stark abwerten, aber auch romantisch überhöhen können. Sie unterstellen eine kollektive abweichende Persönlichkeit. „Zigeuner“ dient in weiter soziografischer Definition als Etikett so unterschiedlicher Gruppen wie der Roma, nonkonformistischer Künstler („Bohemiens“)[1] oder mehrheitsgesellschaftlicher Randgruppen. In einer engen ethnischen Definition meint „Zigeuner“ Roma. Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma lehnt diese Gleichsetzung ab. „Zigeuner“ sei rassistisch und als Ausschlusskategorie im Nationalsozialismus diskreditiert. In der Sprache der Politik, des Rechts, der Medien und der Verwaltung wird „Zigeuner“ anders als im nichtelaborierten Alltagsdiskurs heute nicht mehr verwendet. [Quelle: Wiktionary, Begriff: Zigeuner]
Auf jeden Fall entdeckte ich bei diesem Bild meine Liebe für Collagen. Kurz darauf entstand das Skelett in mühseliger Arbeit. Leider habe ich bisher nur diese beiden vorzuweisen, da ich es mittlerweile lieber mag, sie zu einem bestimmten Thema zu machen. Momentan habe ich zwei Ideen im Kopf und für eine davon habe ich schon Material gesammelt.


Ich habe also einfach die Rückwand auf einem Din A3-Blatt abgezeichnet und dann drauf los geklebt. Hier ging es eindeutig schneller, da ich weder auf eine Zeichnung, noch auf Farben achten musste, nur ein wenig Gleichmäßigkeit wollte ich schon haben. Am besten geht das mit flüssigem Klebestift. Man erwischt einfach alles und kann mal schnell drüberschmieren, wenn eine Schnipsel-Ecke nicht richtig sitzt oder sich abhebt.


Aber wie ich nun mal so bin, war mir das nicht genug. Man hätte die Spangen auch sehr schlecht gesehen zwischen dem ganzen Wirrwarr. Also habe ich nach etwas gesucht, auf dem ich sie "präsentieren" könnte. Zu Beginn hatte ich noch an Tassen- und Tellerdeckchen aus Papier gedacht, aber die einzigen, die ich finden konnte (denn zu dem Zeitpunkt wollte ich das Projekt unbedingt an einem Wochenende endlich fertigstellen), waren von Karstadt und das Muster zu langweilig. 
Einfach ist nicht so mein Ding. Also probierte ich ein wenig mit einer kleinen Häkelnadel und dünner Wolle herum. Die Deckchen fertig zu bekommen, zog sich dann über Monate, weil ich Pausen gemacht habe, dann vergessen hatte, wie ich überhaupt das Muster zustande gebracht hatte etc. Aber dann waren sie endlich fertig. Zwar sind sie alle in ihrer Größe ein wenig unterschiedlich, doch soweit bin ich ziemlich zufrieden.


Zum Kleben habe ich Fixogum benutzt. Das Beste an diesem Kleber: man kann ihn wieder vollkommen entfernen. Wenn man z.B. Papier zusammenklebt, kann man sie nicht nur wieder voneinander trennen, sondern den Kleber auch wieder ablösen. Diese Tube habe ich mir zu Beginn meiner Ausbildung zugelegt und nach ca. 4 Jahren ist sie noch halbvoll, hahaha! Fixogum findet man in jedem gut sortiertem Geschäft für Büro-, Schreib- und Künstlerbedarf.
Eine Heißklebepistole wollte ich hier nicht benutzen, weil ich ein wenig Angst hatte, dass die Spangen das nicht mitmachen würden.



Und wieder: irgendetwas fehlte da noch. Mit den Nadeln erinnert es mich an präparierte Schmetterlinge und das war genau das Detail, das das Bild noch gebraucht hatte.


Das Ganze musste dann nur noch gut trocknen. Später habe ich dann gesehen, dass der Kleber die Wolle ein wenig verfärbt, aber das ist schon okay. Leider haben die Zahnspangen keine wirklich große Fläche um ultimativ gut festzukleben, daher geben ein oder zwei immer mal wieder nach und fallen herunter. Die Nadeln halten auch nicht sehr viel, da es echt schwer ist sie tief ins Papier zu stechen, ohne sie zu verbiegen. Aber sonst... bin ich eigentlich ziemlich zufrieden.


Und so sieht das Bild an meiner Wand aus. 


Habt ihr auch schon einmal alte, ungenutzte Dinge verwertet, um daraus etwas Neues zu machen?
Und ich hoffe euch hat diese kleine Entstehungsreise gefallen.
Bye! 

[Quelle: tumblr]

Kommentare:

  1. A L T E R ich kann dir gar nicht sagen WIE geil ich dieses Kunstwerk finde! So viel Mühe hast du da reingesteckt und es hat sich sowas von gelohnt! Ich bin schwer neidisch! Als Kind wollte ich immer ne Zahnspange haben und hab versucht die von meinem Bruder zu nehmen oder meine Zähne mit Absicht schief zu machen ^^ Meinst du man bekommt alte Zahnspange aufm Flohmarkt oder so? Ich hätte so gern n Mobile aus Zahnspangen P____P

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